Die Abrechnung

Ein Leser [Korrektur: eine Leserin!] meines anderen Blogs fragte mich in einem Kommentar neulich folgendes:

Wie ist das eigentlich mit tanken und Auto waschen? Zahlst du das von deinem Umsatz? Von deinem Gewinn? Kriegst du das von den Chefs wieder? Das würde mich mal interessieren. Also allgemein wie das mit dem Geld läuft. Weil du ja oft schreibst, dass du vom Auto in die Bahn springst. Wenn ICH noch irgendwem Geld in die Hand drücken muss, dann geh ich da nicht unter sieben Minuten wieder raus, wegen schnacken und irgendwelcher Formalitäten. Also natürlich nur, wenn du darüber schreiben darfst. Das ist bei Geld ja immer etwas schwierig. Ich kenn halt nur die Abläufe in verschiedenen Supermärkten und anderen Läden. Da ist Kassenabrechnung schon ein ziemlicher Akt jedes Mal. Ich würde mich freuen, wenn du da mal was zu schreiben würdest.

Ja, wie läuft das hier im Taxihaus-Berlin mit der Abrechnung?

Eines ist schon mal klar: Ich darf darüber schreiben! ;)

Es ist ansonsten eigentlich recht simpel: Zu einem ausgewählten Zeitpunkt während der Büro-Öffnungszeiten betreten wir Fahrer hier die Räumlichkeiten und bringen unsere Taxameter-Keys mit. Das Geld wird mittlerweile meist überwiesen, oft legt man nur noch Quittungen und Gutscheine auf den Tisch.

Wenn ich schreibe, dass ich vom Auto direkt in die Bahn springe, dann bedeutet das, dass ich in diesem Moment nicht Abrechnung mache. Ganz ehrlich: Nach jeder Schicht wäre auch unnötig. Je nach Entfernung zur Firma und eigenen Gelüsten rechnen wir mehrmals die Woche, nur einmal alle zwei Wochen oder wie ich – damit bin ich definitiv ein Spezialfall – einmal im Monat ab.

Dabei ist völlig klar, dass alle Betriebskosten des Autos nicht von uns Fahrern bezahlt werden. Tanken, waschen, das gelegentlich anfallende Öl  oder sonstwas in die Richtung werden selbstverständlich vom Taxihaus bezahlt. Für die alltäglichen Sachen haben wir Flottenkarten von Total und Aral im Auto, die eine Abrechnung ohne Bargeld ermöglichen, die ein oder andere Sonderausgabe, die damit nicht zu begleichen ist, wird beim Abrechnen erwähnt. Gebe ich eine Tankquittung für 40 € ab, werten Christian oder Ben das quasi so, als würde ich 40 € in bar abgeben, das tangiert weder Umsatz noch Gewinn für mich als Fahrer.

Gelegentlich wasche ich das Auto jedoch auch einfach mit dem Kärcher, welchen ich dank fehlender Quittungsdrucker dann auch selbst bezahle. Aber zum einen müsste ich das nicht, zum anderen geht es da ja eh meist nur um 50 Cent oder einen Euro …

Trotz all der Professionalität dauern diese Abrechnungstreffen auch immer ein wenig länger als 5 Minuten, denn natürlich tauscht man sich noch über dies und das aus – und wenn es gut läuft, ist sogar noch ein Kollege da, der im Anschluss Lust auf eine Runde Billard hat. Das ist wohl unser Alleinstellungsmerkmal bei den Abrechnungen. :)

“Ich mach mal die Uhr aus …”

Das ist ein Satz, den ich nur schwer über die Lippen bringe. Wie bei jedem Taxifahrer zwackt auch bei mir ständig der Geldbeutel, und wenn man dann endlich mal Kundschaft an Bord hat, dann soll die gefälligst auch den Preis zahlen, den es bis zu ihnen kostet. Aber mal ehrlich, das trifft natürlich nur auf die kürzeste (mögliche) Strecke zu.

Um die bemühen sich die meisten Kollegen unter uns, der eine mehr, der andere weniger. Ich als Nachtfahrer vermeide wirklich nur die übelsten Ruckelpisten – ohne besonderen Wunsch der Kundschaft halte ich mich da ans Maximum. Ja, manchmal hab ich sogar Spaß daran, Leuten, die 20 Jahre länger in Berlin wohnen als ich, die kürzere Route zu zeigen, von der sie glaubten, es gebe sie nicht. Nicht, weil ich scharf darauf wäre, weniger Geld zu verdienen, sondern weil die meisten es ohnehin irgendwann merken würden. Und dann wäre ich einer dieser “Kollegen”, wegen denen man lieber kein Taxi mehr nimmt. Nee, nee …

Heute Nacht aber hab ich mich schlicht und ergreifend verfahren. Der Fahrgast wollte zum Kiehlufer, und da ich das normalerweise nur befahre, wenn ich mich auf dem kürzesten Weg vom Ostbahnhof zum Estrel durchschlage, hab ich gar nicht mehr weiter auf den Kunden gehört, als der – eigentlich deutlich vernehmbar – “Ecke Wildenbruch” zum Besten gab.

Er ist nicht einmal skeptisch geworden, aber mir selbst sind seine Worte plötzlich in den Sinn gekommen, als ich von der Elsenstraße links in die Kiefholz eingebogen bin, in Gedanken auf dem Weg zu Teupitzer. Ich hab mich kurz entschuldigt, ihm erklärt, was ich gerade verbockt hatte, und nachgeschoben, dass ich die Uhr natürlich früher ausmachen würde.

Hab ich getan, hat mich am Ende vielleicht einen Euro Umsatz gekostet. Und mich auf ziemlich blöden 9,20 € anhalten lassen. Aber – wie so ziemlich immer nach so einer Ansage meinerseits – nestelte es auf der Rückbank heftig im Kleingeldfach und ich hab die Tour mit 2,80 € Trinkgeld abschließen können. Für meine Ehrlichkeit.

Der Umweg, den ich hätte fahren müssen, um DAS alleine durch den Umsatz zu erreichen … den will ich mir besser nicht einmal ausmalen. :)

Blick in den Seitenspiegel (2)

Das Älterwerden

Ein Winker lotste mich derletzt durch einige Gassen in einem nächtlich-verlassenen Industriegebiet. Nicht, weil er dort wohnte, sondern weil dort eine Kneipe war, in der sie feierten. Und seine Mutter könne nicht mehr so weit bis zur Straße laufen. Geschäftlich war das prima. Insgesamt standen schon 6 € auf der Uhr, bis die alte Frau in meinem Auto saß.

Das jedoch war erst der Anfang.

Die Fahrt war recht kurz, aber die Dame redete gleich von Beginn an auf mich ein. Sie dankte mir für die Hilfe und untermauerte ihren Wunsch, dass sie gerne schnell ins Bett möchte, mit dem einen oder anderen Stöhnen und Ächzen. Mit starkem Akzent verkündete sie, dass sie heute auf den Tag genau seit 47 Jahren in Deutschland lebt. Aber diese Feiern, ach! 23 Uhr, und sie sei noch nicht im Bett!

Ich hatte meine Schicht spät begonnen, sie war mein zweiter Fahrgast. Die Müdigkeit teilte ich nicht mit ihr.

Sie belustigte sich ein wenig darüber, dass ihr Sohn jetzt bei der Party den DJ mimte und begann zu erzählen, wie sie damals in Polen gefeiert hätten, als ihr Sohn noch nicht war. Sie sei kein Kind von Traurigkeit gewesen, vergewisserte sie mir, nur jetzt, im Alter, da sei das eben anders. Die Beine wollen nicht mehr tanzen, der Kopf will nicht mehr diskutieren und das Herz will seit dem Tod des Mannes schon gar nichts mehr so recht machen. Zwischen all der Wehmut schlich sich eine Spur Stolz in ihre Erinnerungen. Sie war zweifellos traurig, während sie sich an die schönsten Abende ihres Lebens erinnerte, in der Gewissheit, dass es ganz so toll wahrscheinlich nicht mehr werden würde. Auf der anderen Seite war da noch mehr. Und das sprudelte alsbald aus ihr heraus:

“Jetzt bin ich kaputt. Ich bin alt, ich halte nicht mal mehr eine so langweilige Feier aus. Schade. Aber ich hab ja gefeiert. Genug. Und viel. Haben Sie gefeiert?”

“Naja …”

“Wie alt sind Sie?”

“Jetzt? 31.”

“Ich sage immer: Feiert so lange ihr noch jung seid! Macht alles mögliche, probiert dies und das, genießt das Leben! Wenn ihr erst mal so alt seid wie ich, dann geht das nicht mehr!”

Mir ist das mit dem Altern bewusst. Vielleicht denke ich mehr darüber nach als andere 31-jährige. Um so mehr freut mich, dass die eigentlich gar nicht so schlecht gelaunte Alte mir das mitgab, was ich immer für eine wichtige Lebenseinstellung gehalten habe: Einfach das mitnehmen, was einem geboten wird. Leben. Möglichst viel Spaß haben.

Und wenn wir gerade beim Thema Spaß sind:

Hier im Taxihaus ist am 1. Juli mal wieder Grillen und Feiern angesagt! Alle Kollegen sind herzlich eingeladen, falls es aber einen Leser in den Hinterhof verschlagen wird, bin ich sicher, dass der auch nicht leer ausgeht. Ich freue mich darauf, schließlich werde ich auch bald 32 sein. Und irgendwann 80. Und dann tragen mich meine Füße vielleicht nicht mehr bis zum Grill.

Ach Gurtchen …

Die 1925 …

Was das Kistchen inzwischen alles für Macken hat. Jetzt war im wahrsten Sinne des Wortes das Gurtschloss eingeschnappt. Eigentlich was, worüber man mal mit Opel reden sollte. Gurtschlösser sind zweierlei: Zum einen stark belastet – zum anderen aber auch relativ simpel konstruiert.

Da ist Opel wohl grundsätzlich auch gar nicht so schlecht drin. Die inzwischen allesamt aus dem Verkehr gezogenen A-Zafiras haben unserem Werkstattguru Jürgen zufolge noch nicht einmal deswegen Zicken gemacht. Gurt nehmen, reinstecken, klack. Looft. Hunderttausende Kilometer, zehntausende Fahrgäste lang …
Und die B-Zafiras? Die Nachfolgemodelle haben einen Verschleiß bei den Teilen, dass es nicht mehr feierlich ist. Dass mal das Plastik einen Knacks weg hat, soll auch bei den Besten mal passieren. Dass unsere Firma inzwischen im Wissen um die Alltäglichkeit dieser Problematik präventiv alle Gurtschlösser grundsätzlich mit Tape fixiert, sollte Opel zu denken geben.

Dank auch dafür, dass man die A-Zafira-Gurtschlösser nicht in einem B-Zafira anbringen kann!

Gut. Gestern Abend empfing Jürgen mich – nach meiner Ankündigung, ein Problem mit einem der Schlösser zu haben – prompt mit einem fertigen, bereits mit Tape versehenen Ersatz. Und nach kaum zehnminütiger Wechselarbeit war dann das aus einem Unfallwagen zweitverwertete Teil in der 1925 verbaut.

Das, liebe Autobauer aus Rüsselsheim, ist nämlich dann die andere Seite der Medaille: Wenn man erst einmal Erfahrung damit hat, dass Teile ohnehin immer wieder kaputt gehen – dann findet man auch Mittel und Wege, nicht immer 45 € in ein neues Originalteil zu investieren …

Und schlechtes Karma gibt das wohl auch nicht. Ich habe meinen Kollegen noch bis zum Ostbahnhof mitgenommen und dort nach punktgenau einer Pausenzigarette eine 30€-Tour bekommen. So looft dit hier! :)

Blick in den Seitenspiegel (1)

Obamas Besuch in Berlin

Da kommt er nun also eingeschwebt, der Obama. Hier zu uns nach Berlin. Das hatten wir vor ein paar Jahren schon einmal, damals war der ach so sympathische Kerl aber noch nicht wirklich Präsident. Er hatte zwar gute Aussichten, immerhin so gute, dass sich der Oberschmierfink Kai Diekmann, seines Zeichens BILD-Chefredakteur, an ihn ranwanzte – aber es mussten damals noch nicht die Gullideckel zugeschweißt werden. Ein Vorgehen, das überhaupt erst seit dem Besuch des letzten Papst-Besuchs in Mode gekommen zu sein scheint.

Gullideckel sind für mich als Taxifahrer jetzt eher uninteressant. Der Rush-Hour-Verkehr wäre zwar sicher erträglicher, könnte man mit seinem Auto auch auf die Kanalisation ausweichen, besonders erstrebenswert würde ich das aber so oder so nicht nennen. Viel wichtiger ist einmal mehr, was für ein Bohei in Form von Straßensperren gemacht wird, denn offenbar ist es inzwischen Usus, für einen amerikanischen Präsidenten schon Tage vorher Plätze und Straßen sperren zu lassen.

Mir sind die Gründe wohl bewusst. Wer weiß schließlich, wie z.B. der kalte Krieg ausgegangen wäre, hätte man 1963 in Dallas bereits eine Sperrung von Schulbuchdepots veranlasst …
Wieso meine Kollegen aus der Tagschicht in den nächsten Tagen verfluchen werden, dass Berlin eine politisch relevante Stadt ist, bleibt eine unschöne Frage. Immer mehr werden Freiheiten eingeschränkt, um diese oder jene “Terrorgefahr” – oder eben ein Attentat auf einen Präsidenten – zu verhindern. Als ob es nicht viel wahrscheinlicher wäre, dass ein Autounfall das Leben eines Staatsmannes beendet – oder ein Flugzeugabsturz, wie unlängst die Polen mitbekommen mussten.

In der letzten Woche ist bekannt geworden, dass amerikanische Geheimdienste im großen Stil die Internetkommunikation überwachen. “Prism” ist das Stichwort der Stunde; die Befürchtung, dass das passiert, ist weit älter und hat selbst mit dem umjubelten Hollywoodfilm “Der Staatsfeind Nr. 1″ im Jahre 1998 allenfalls nachträglich eine Würdigung erhalten. Die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit ist so alt, dass eines der bekanntesten Zitate zum Thema ausgerechnet von einem großen amerikanischen Staatsmann des 18. Jahrhunderts stammt:

“Diejenigen, die bereit sind grundlegende Freiheiten aufzugeben, um ein wenig kurzfristige Sicherheit zu erlangen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.”

Benjamin Franklin

Natürlich: Hochtrabende Worte. Insbesondere, wenn es um die Frage geht, ob man sich darüber ärgert, dass die Straße des 17. Juni nun schon zum gefühlt zwanzigsten Mal dieses Jahr gesperrt wird. Aber vielleicht immer noch besser, als die nüchterne Erkenntnis eines meiner Fahrgäste, der bei einem Zwangsstopp aufgrund eines offenbar wichtigen Staatskonvois sagte:

“Na, wenn die Merkel jetzt den Herrn Sauer halt flott mal Königsberger Klopse kochen soll, dann is dit halt so!”

Fotowettbewerb der IHK

Die BTV weist in ihrem aktuellen Newsletter daraufhin, dass die IHK einen Fotowettbewerb zum Thema “Weg mit dem Schilderwald!” veranstaltet. Nicht ohne Grund, schließlich sind wir Taxifahrer sicher diejenigen, die die Auswüchse der in die Hose gegangenen Verkehrsregulierungen sicher mit am Besten kennen …

Ich zitiere hier einfach den Newsletter selbst, da steht alles drin:

Liebe Mitglieder,

die Industrie und Handelskammer lobt einen Fotowettbewerb aus, bei dem es ein Fahrsicherheitstraining als Preis zu gewinnen gibt. Alles was ihr zum Gewinnen braucht ist ein Fotohandy, Fotoapparat, Smartphone und ein wachsames Auge. Mein Rat lautet: Macht mit.

Die IHK Berlin unterstützt den Fotowettbewerb “Weg mit dem Schilderwald” der Dekra, an dem sich jeder Verkehrsteilnehmer in Berlin und Bundesländern beteiligen kann.
Prämiert werden Foto mit einer übertriebenen, unverständlichen oder gar irreführenden Verkehrsschilder-Konstellation aus der Hauptstadtregion. Ich bin sicher, dass Sie und viele Ihrer Mitglieder regelmäßig auf solche Dinge stoßen. Als Preise werden drei Fahrsicherheitstrainings verlost. Der Wettbewerb läuft noch bis zum 14. Juni 2013. Die besten Beiträge, die dazu beitragen, den Schilderwald zu lichten, werden anschließend ab 10. August in der IHK Berlin präsentiert.
Wir würden uns sehr freuen, wenn auch Sie Ihre Mitglieder auf diesen Wettbewerb aufmerksam machen würden, der im Ergebnis allen Verkehrsteilnehmern und nicht zuletzt der Sicherheit nützt und gleichzeitig sicher auch viel Spaß macht.
Das Einsenden geht einfach per Email wettbewerb@weg-mit-dem-schilderwald.de. Weitere Informationen finden Sie in der angehängten Datei sowie unter http://weg-mit-dem-schilderwald.de/
Für Rückfragen stehe ich gern bereit.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Lutz Kaden

Ich hab zwar noch keine explizite Idee, aber ich denke, ich werde mich mal nach Motiven umsehen.

Großkontrolle am Dienstag

Die Polizei Berlin plant am kommenden Dienstag (16. April 2013) eine groß angelegte Blitzerei, um der gestiegenen Zahl von Unfällen durch überhöhte Geschwindigkeit zu begegnen. Ich als Taxifahrer finde das eigentlich ok, schließlich sind wir alle unseren P-Schein schneller los als den Führerschein und sollten schon deswegen gelegentlich mal auf den Tacho sehen.

Ein bisschen belustigt nehme ich die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei zu diesem Tag zur Kenntnis. Sie weist erst einmal ausdrücklich darauf hin, dass diese Aktion nicht als Abzocke gedacht ist und legt in der Folge alle geplanten Kontrollstellen offen. Das finde ich echt einen netten Zug, steht doch zu befürchten, dass die Raser sich also einfach nur an den entsprechenden Punkten am Riemen reissen. Der Clou ist dann aber die Liste an Straßen …

Ich sag’s mal so: Wer die Liste (Link öffnet ein PDF) auswendig lernt, der kann gleich im Vorbeigehen noch den P-Schein machen. :)

Ich würde also am Dienstag (und sonst natürlich auch!) dazu raten, lieber etwas langsamer zu fahren, als alle 200 Meter an einem Blitzer abzubremsen.