Blick in den Seitenspiegel (2)

Das Älterwerden

Ein Winker lotste mich derletzt durch einige Gassen in einem nächtlich-verlassenen Industriegebiet. Nicht, weil er dort wohnte, sondern weil dort eine Kneipe war, in der sie feierten. Und seine Mutter könne nicht mehr so weit bis zur Straße laufen. Geschäftlich war das prima. Insgesamt standen schon 6 € auf der Uhr, bis die alte Frau in meinem Auto saß.

Das jedoch war erst der Anfang.

Die Fahrt war recht kurz, aber die Dame redete gleich von Beginn an auf mich ein. Sie dankte mir für die Hilfe und untermauerte ihren Wunsch, dass sie gerne schnell ins Bett möchte, mit dem einen oder anderen Stöhnen und Ächzen. Mit starkem Akzent verkündete sie, dass sie heute auf den Tag genau seit 47 Jahren in Deutschland lebt. Aber diese Feiern, ach! 23 Uhr, und sie sei noch nicht im Bett!

Ich hatte meine Schicht spät begonnen, sie war mein zweiter Fahrgast. Die Müdigkeit teilte ich nicht mit ihr.

Sie belustigte sich ein wenig darüber, dass ihr Sohn jetzt bei der Party den DJ mimte und begann zu erzählen, wie sie damals in Polen gefeiert hätten, als ihr Sohn noch nicht war. Sie sei kein Kind von Traurigkeit gewesen, vergewisserte sie mir, nur jetzt, im Alter, da sei das eben anders. Die Beine wollen nicht mehr tanzen, der Kopf will nicht mehr diskutieren und das Herz will seit dem Tod des Mannes schon gar nichts mehr so recht machen. Zwischen all der Wehmut schlich sich eine Spur Stolz in ihre Erinnerungen. Sie war zweifellos traurig, während sie sich an die schönsten Abende ihres Lebens erinnerte, in der Gewissheit, dass es ganz so toll wahrscheinlich nicht mehr werden würde. Auf der anderen Seite war da noch mehr. Und das sprudelte alsbald aus ihr heraus:

„Jetzt bin ich kaputt. Ich bin alt, ich halte nicht mal mehr eine so langweilige Feier aus. Schade. Aber ich hab ja gefeiert. Genug. Und viel. Haben Sie gefeiert?“

„Naja …“

„Wie alt sind Sie?“

„Jetzt? 31.“

„Ich sage immer: Feiert so lange ihr noch jung seid! Macht alles mögliche, probiert dies und das, genießt das Leben! Wenn ihr erst mal so alt seid wie ich, dann geht das nicht mehr!“

Mir ist das mit dem Altern bewusst. Vielleicht denke ich mehr darüber nach als andere 31-jährige. Um so mehr freut mich, dass die eigentlich gar nicht so schlecht gelaunte Alte mir das mitgab, was ich immer für eine wichtige Lebenseinstellung gehalten habe: Einfach das mitnehmen, was einem geboten wird. Leben. Möglichst viel Spaß haben.

Und wenn wir gerade beim Thema Spaß sind:

Hier im Taxihaus ist am 1. Juli mal wieder Grillen und Feiern angesagt! Alle Kollegen sind herzlich eingeladen, falls es aber einen Leser in den Hinterhof verschlagen wird, bin ich sicher, dass der auch nicht leer ausgeht. Ich freue mich darauf, schließlich werde ich auch bald 32 sein. Und irgendwann 80. Und dann tragen mich meine Füße vielleicht nicht mehr bis zum Grill.

2 Kommentare bis “Blick in den Seitenspiegel (2)”

  1. elder taxidriver sagt:

    Das Älterwerden vollzieht sich dergestalt, dass von 500 Leuten die gemeinsam einen Taxischein machen 180 mit 65 Jahren leider schon tot sind. Wegen ihrer Lebensführung, räusper, hust, oder sonstigen schicksalhaften Gegebenheiten.
    Wenn man einmal an den Halteplätzen nachfragt, wo der und der ältere Kollege eigentlich abgeblieben ist, kann man etwas darüber erfahren. Die 70, 75-jährigen Taxifahrer über die man manchmal etwas lesen kann, sind die absolute Ausnahme. Nicht nur, weil sie noch fahren, sondern weil sie überhaupt noch am Leben sind.
    Das soll natürlich keinen vom Feiern abhalten, d a r a n stirbt man nicht so schnell.

  2. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Das ist fürwahr eher bedrückend. 🙁

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